Demon’s Diary 2 (2)

Feierabend  (Fortsetzung)

Ein kurzes Aufblitzen, ein bestätigendes Surren und einen Moment später standen wir auch schon…
In einer Rumpelkammer. Beziehungsweise hingen dort ziemlich verkeilt. (Ich schätze, den ungewöhnlichen Fall des Doppeltransports hatte die App noch nicht ganz ausgearbeitet.)
Ein näherer Blick auf den kleinen vermüllten Raum offenbarte mehrere Stapel Kartons mit unbestimmten Inhalt, ferner ausrangiertes Mobiliar, Regale mit angestaubten Dosen und Kanistern sowie rostiges Werkzeug. Es stank nach Benzin und Pinselreiniger. Einen Augenblick lang hegte ich schon die hehre Vermutung, vielleicht doch nicht im Diesseits, sondern einfach im Durchgang hinter der Bar im Kaffeekeller gelandet zu sein.
Aber nein. Statt einem missmutig-zuvorkommenden Kaflachx stand uns nun ein pickeliger Teenager im schwarzen Kapuzenpulli gegenüber. Und er sah nicht so aus, als wolle er uns eine Cola ausgeben.
Vielmehr schmetterte er uns angesichts der Wahrnehmung unserer jähen Präsenz ein entsetztes: „Scheiße, Mann – er hat zwei Köpfe!“ entgegen.
„Wenn du schon Dämonen beschwörst, solltest du massiv an deiner Schockfestigkeit arbeiten“, bemerkte ich, während ich meinen rechten Flügel unter Mias Arm hervorzog. Diese sortierte derweil ihr linkes Bein wieder an seinen Platz und nutzte auch gleich die Gelegenheit, um ihr Dekolleté zu richten.
„Alter!“ Vielmehr kam als verbale Entgegnung vorerst nicht zurück. Auf nonverbaler Ebene folgte dafür ein ausgiebiges Bestarren unserer enttüddelten Körper. Weit aufgerissene Teenager-Augen musterten intensiv unsere Hörner und Flügelpaare, jedoch weitaus intensiver den restlichen, menschlich anmutenden Teil darunter.
„Hast Du’s bald?“, kam entnervt von Mia. „Zum doof angeglotzt werden, hätte ich nämlich genausogut in Kreis acht bleiben können.“
„Vor oder nach den Löscharbeiten?“
„Hmm, wenn ich so drüber nachdenke, gucken die eigentlich immer ziemlich blöd, wenn ich da mal aufkreuze.“
„Ich dachte, ich hätte nur einen, also…“, unterbrach unser halbwüchsiges Gegenüber weitere Abschweifungen in Mias Arbeitsalltag. „Seid ihr überhaupt Dämonen?“
„Ist das etwa deine bahnbrechende Anfrage?“, entgegnete ich gereizt und breitete dabei drohend die schwarzbefiederten Flügel aus. Als ehrfurchtgebietende Geste wirkte das meistens. Mia konsultierte derweil nochmals die App.
„Im Übrigen müssen wir hier gar nichts beantworten, solange er uns nicht offiziell begrüßt“, gab sie einen wesentlichen Punkt zum Beschwörungsablauf wieder.
„Ach ja, genau…“ Hastig kramte der Typ nun ebenfalls sein Smartphone hervor.
Nach einigem Umherklicken und Scrollen hatte er die richtige Stelle anscheinend gefunden. Er versuchte, eine Art Haltung anzunehmen und begann mit bedeutungsvollem Räuspern, das Gerät in der Hand:
„Gegrüßt seist du oh dunkler Herr, äh, Herrschaften… äh… Damen…
Mein Dank, dass du…ähm, ihr erschienen…
Nun hör‘ mein dringliches Begehr,
Bei dem du mir mögest dienen… ich meine, ihr… ihr dienen.“
Ihr dienen? Äh ja.“ Die holprige Performance löste nicht gerade Begeisterung bei mir aus.
„Na, immerhin gibt er sich Mühe“, bemerkte Mia fast schon beschwichtigend. „Auch mit den Kerzen und so.“
Das Arrangement sah in der Tat lehrbuchmäßig aus: die Zeichnungen auf dem maroden Fußboden, die Aufstellung der Kerzen, Schutzsymbole – nicht, dass ihm das helfen würde – aber es zeigte eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Mit seiner Ansprache schien er dagegen noch nicht fertig zu sein.
„Nimm, also nehmt hier mein Opfer als Lohn für euren Dienst!“ Er wies auf eine Anordnung, die er außerhalb seines Kreises arrangiert hatte: ein Pfefferminzbonbon, ein Zettel mit einem roten Fleck – vermutlich Blut – und ein toter Hamster.
„Igitt. Mia, müssen wir das jetzt wirklich einpacken?“
„Laut App ist das Zeug schon korrekt. Ja nun. Ich würde ja das Bonbon nehmen.“
„Na gut“, gab auch ich mich versöhnlich, „dann nehme ich halt den Zettel. War’s das jetzt mit den Formalitäten?“
Kontrollierende Blicke auf diverse Mobilgeräte.
Mia nickte.
„Also, was willst du, Sterblicher?“, ergriff ich schließlich die Initiative, um seine Aufmerksamkeit wieder auf die aktuelle Beschwörungslage zu lenken.
„Ähm… hier.“ Er griff nach einem Umschlag neben sich auf dem Boden und streckte ihn uns zögerlich entgegen.
„Sollen wir jetzt deine Post austragen oder was?!“
„Nein, nein“, setzte er zu einer näheren Erläuterung an, „das ist die Liste.“
Die Liste?! Aha.“ Mia nahm ihm den knittrigen Brief ab und riss ihn unsanft auf.
„Ja, ihr seid doch Rachedämonen, oder?“
„Wir sind was?“ Daher wehte also der Wind. Ein Zettel mit einer Reihe von Namen, den Mia just aus dem Umschlag zog, bestätigte meine Vermutung. Ich warf einen Blick auf die Zusammenstellung. Keine Prominenz. Politiker, Künstler, Serienmörder, überhaupt für uns wertvolles Seelenmaterial: Fehlanzeige.
„Wer sind denn Kevin, Bob und Randall?“, griff ich wahllos ein paar der Namen auf.
„Aus der Parallelklasse. Sie zocken mich immer ab. Und sie haben mich einen Loser genannt.“
Ich schenkte ihm einen überdeutlichen Merkst-du-jetzt-selber-oder?-Blick. Aber aller Voraussicht nach merkte er nichts.
„Und Mr. Hurley?“
„Sozialkundelehrer. Nimmt mich ständig dran, obwohl er weiß, dass ich keine Ahnung von dem Kram habe.“
„Glaube ich gerne…“
„Ha ha, Tiffany Honeywell“, amüsierte sich Mia über den Namen einer weiteren Rachekandidatin. „Ist das ne Prinzessin?“
„So ähnlich… Sie hat mit mir Schluss gemacht.“
„Ach tatsächlich?“
„Na ja, eigentlich waren wir nicht so richtig zusammen. Aber jetzt redet sie nicht mal mehr mit mir… seit der Sache mit ihrem Hamster.“
„Ok, erspar uns das“, intervenierte ich, bevor er noch weiter in das Beziehungsdrama einstieg. „Und Lara-Marie? Wollte die auch nichts von dir?“
„Nein, das ist meine widerliche große Schwester“, kam es trotzig zurück. „Sie klaut andauernd Sachen von mir. Und ich bin mir sicher, dass sie heimlich meinen Rechner kontrolliert.“
Ich gab ob der banalen Schilderung einen angestrengten Seufzer von mir.
„Und was sollen wir deiner Meinung nach jetzt mit denen anstellen?“
„Na, äh… was Dämonen eben machen… Seelen matern und quälen, in den Wahnsinn und zum Selbstmord treiben und so…“
„Klingt ja nach deinem Job, Mia.“
„Vergiss es, Cay! Weißt du, wie viele das sind?“
Ich zählte nach. Etwa zwanzig. Für sein Alter hatte der Typ sich schon ein paar ordentliche Ressentiments zusammengesammelt.
„Und zum in den Wahnsinn treiben, wären ja auch noch ein paar Informationen aus der Verwaltung notwendig“, fügte sie schnippisch hinzu. Sie spielte auf unsere Akten an, die einen Überblick zur moralisch-psychologischen Konstellation sämtlicher Menschenseelen abgaben. Verwaltungskram halt. Und vor allem: Arbeit.
„Hör mal“, wandte ich mich wieder unserem sterblichen Gegenüber zu, „wir haben eigentlich Feierabend.“
„Ja, seit zwei Stunden“, zischte Mia. Da die Zeit im Diesseits deutlich schneller verstrich, als in unseren heimischen Gefilden, durften es sogar schon einige Stunden mehr geworden sein.
„Ihr habt was?“
„Außerdem hab ich genug Seelen, die ich ewigen Qualen überstellen muss“, fügte sie ungehalten hinzu. „Da kann ich nicht mal eben für ein paar Tage blau machen, nur um deine komische Liste hier abzuarbeiten.“
„Und ich hab auch noch reichlich Akten auf dem Schreibtisch. Da sind deine persönlichen Widersacher für mich ziemlich zweitrangig.“
„Warum startest du nicht einfach ’nen kleinen Amoklauf, so wie frustrierte Teenager wie du das gewöhnlich machen?“, kam ein proaktiver Vorschlag von Mia. „Du besorgst dir ne Knarre, ziehst los…“
„Müsste ich mich dann nicht hinterher erschießen?“, unterbrach jener ihre weitere Ausführung des Szenarios.
Aus meiner Sicht sprach dieser Faktor allerdings eher dafür. „Oder du wirst Finanzbeamter“, fiel mir noch eine subtilere Möglichkeit zur Umsetzung des Wahnsinn-und-Qualen-Aspekts ein. Doch er winkte ab.
„Nein, das dauert ja ewig – ich will meine Rache jetzt. Und ich will, dass die Wixer dabei drauf gehen!“
Ich sah den Kerl ob der drastischen Worte prüfend an. Er hatte nicht einmal größere Ambitionen. Keinen teuflischen Plan, keine Machtphantasien, bei denen es lästige Gegner aus dem Weg zu räumen gab. Er war einfach ein pubertierendes, jähzorniges Arschloch, dem nichts Besseres einfiel, als sein mangelndes Selbstbewusstsein damit zu kompensieren, ein paar Dämonen seine Drecksarbeit machen zu lassen.
‚Du wirst noch sehen, was Ewigkeit bedeutet‘, kam mir ein unvermittelter Gedanke.
„Wie wär’s mit ner Bombe?“, schlug ich unschuldig vor und seine Mine hellte sich auf.
„Ja! Ihr könntet die Schule sprengen!“
„Wir?“, echauffierte sich Mia, aber ich stieß sie von der Seite an.
„Ja klar, du müsstest uns nur dabei assistieren. Als Dämonen können wir schließlich nicht ohne Weiteres mit den Objekten des Diesseits interagieren.“
Mia hatte begriffen und grinste. Meine Angabe war natürlich eine dreiste Lüge. Wir konnten so viel interagieren, wie wir wollten. Wir hatten nur schlicht keinen Bock dazu.
Unser menschliches Gegenüber fiel jedoch voll drauf rein.
„Was… was braucht ihr denn?“
„Och im Darknet findest du bestimmt ‘ne Anleitung“, sinnierte Mia.
„Auf jeden Fall wäre Sprengstoff nicht schlecht.“
„Wir haben noch Feuerwerkskörper im Keller!“, kam sofort die ernsthafte Reaktion auf meine scherzhafte Anmerkung.
„Na dann mal los“, ermunterte ihn Mia. „Und wenn du schon mal da bist, bring auch ‘ne Cola mit!“
„Cola hab ich hier.“ Er zog einen Kasten zwischen einigen Kartons hervor. „Bin gleich zurück!“ Emsig löschte er die Kerzen und schob ein paar Kanister und Gartengeräte aus dem schmalen Durchgang zur Tür, bevor er sich auf den Weg nach draußen machte.

Fortsetzung folgt…

C. Holister (c) 2017

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