Demon’s Diary 2 (3)

Feierabend (Fortsetzung II)

Ein Windstoß zog hinein und verteilte einmal mehr den beißenden Benzingeruch in der Luft. Offenbar hatte unser rachelüsterner Freund sein kleines Beschwörungsritual im Geräteschuppen durchgeführt. Das erklärte auch das ganze Gerümpel. Was für eine Respektlosigkeit!
Mia beugte einer beleidigten Hassrede meinerseits vor, indem sie mir eine Cola reichte.
„Ist jetzt nicht der Kaffeekeller, aber immerhin.“
Sie kramte in einem Möbelhaufen zwei wackelige Hocker hervor und baute sie neben einem Stapel Kisten auf. Zufrieden mit ihrem Werk bezog sie einen der alternativen Thekenplätze. Ich nickte ihr anerkennend zu und nahm einen Zug aus der Flasche. Diesseitige Cola schmeckte zwar nicht ganz so gut, aber zumindest erfüllte sie ihren berauschenden Zweck.
„Im Prinzip hätten wir natürlich auch abhauen können“, fiel mir nach einer halben Flasche ein.
„Och, wo es gerade lustig wird. Außerdem war es doch deine Idee, Cay-hay-hay…chhh.“ Eine mittlere Hustenattacke schnitt ihr vorübergehend das Wort ab.
„Hast du dich verschluckt?“
„Chh…oh Mann, keine Ahnung. Bin irgendwie schon wieder so verschleimt.“
Kein Wunder. Nach jenseitiger Zeitrechnung lag die Einnahme von Kaflachx medizinischem Cocktail bereits über zwölf Stunden zurück.
„Vielleicht sollten wir doch besser gehen“, überwog bei Mia letztlich die Vernunft.
Bevor wir nähere Schritte für unsere Abreise einleiten konnten, deutete jedoch eine knarrende Tür die Rückkehr unseres nervigen Beschwörers an. Zufrieden lächelnd trat er in den Raum, einen übergroßen Pappkarton in den Armen.
„Soo“, flötete er, „hier habe ich reichlich alte Feuerwerkskörper, etwas Schießpulver, Spraydosen, Knete und Zündschnur.“
„Hast ja ganz schön lange gebraucht“, entgegnete ich trocken. „Wie weit entfernt ist denn euer Keller?“
„Na im Haus natürlich.“ Er stellte den Karton ab und sah sich um. „Sagt mal, habt ihr die Cola getrunken?“
„Wieso, was dachtest du denn?“, räusperte sich Mia und nahm direkt einen Schluck zur Unterdrückung einer weiteren Hustenattacke.
„Und die Barhocker? Sagtest du nicht, ihr könntet mit den Objekten des Diesseits nicht ohne Weiteres interagieren?“
Ich rollte genervt mit den Augen. Nach der Schuppen-Erkenntnis hatte ich ohnehin die Schnauze voll von dem Kerl.
„Na und?“, gab ich patzig zurück. „Wir sind Dämonen – schon vergessen? Was glaubst du denn, zu was wir alles in der Lage sind?!“
„Scheiße, ihr wollt mich einfach die ganze Arbeit machen lassen! Hinterher hätte ich mich noch selbst in die Luft gejagt!“
„Das war der Plan“, seufzte ich und nippte ebenfalls an meiner Flasche. Mia schniefte vor sich hin.
„Wisst ihr was, ich glaube, ihr seid gar keine richtigen Dämonen!“, begann er wütend herumzuwirbeln. „Wahrscheinlich seid ihr irgendwelche beknackten Freundinnen von Lara! Genau!“
Amüsiert verfolgten wir sein Gezeter. Laut seiner Verschwörungstheorie hatte seine Schwester seinen Rechner gehackt und so von seinen Beschwörungsplänen erfahren. Wir waren als mutmaßliche Dämonen über eine Klappe in der Decke in den Schuppen geklettert. Flügel und Hörner waren natürlich nur angeklebt. Gut gemacht, zugegeben, aber bei dem Flittchenlook hätte er eigentlich gleich darauf kommen können.
„Überhaupt“, fuhr er keifend fort, „Dämonenweiber – was für ein Schwachsinn!“ Er trat zornig gegen die Kiste, die sich aufgrund ihrer Ausmaße nur wenig bewegte. Allein eine kleinere Staubwolke löste sich von dem darin wohl schon längere Zeit gelagerten Inhalt. Sie reichte allerdings, um Mias ohnehin strapazierten Schleimhäuten, den nötigen Impuls für einen episch-infernalen Nieser zu geben.
Vor allem die Spraydosen in Verbindung mit den umherwabernden Benzin- und Lösungsmitteldämpfen trugen einen maßgeblichen Teil zu der nachfolgenden Explosion bei, der das Dach sowie Fenster und das meiste der Innenausstattung zum Opfer fielen. Die Feuerwerkskörper fügten dem Ganzen noch ein paar hübsche Glitzereffekte hinzu.
„Ich denke, damit hat sich unsere Verpflichtung hier erledigt“, rief ich Mia nach einer Weile zu und schmiss den Klumpen, der mal eine Colaflasche in meiner Hand gewesen war, beiseite. „Oder willst du noch Feuerwerk gucken?“
„Nee Cay, lass uns abhauen. Ich bräuchte mal wieder etwas Medizin.“
Von dem Beschwörungsdreieck am Boden war mittlerweile nicht mehr viel übrig. Ganz zu schweigen vom Boden.
Wir machten uns auf den Weg, um uns draußen ein Taxi zu bestellen. Fast waren wir schon durch die nicht länger vorhandene Tür geschritten, als hinter uns eine Stimme aus dem Do-it-yourself-Inferno ertönte.
„Scheiße, was ist das denn für ‘ne Beschwörung?!“
Sie gehörte einem wieselgesichtigen, vierflügeligen Dämon, den ich locker kannte. Abteilung fünf. Customer Relations oder so.
„Die Chefzuteilerin und die Assistentin vom Boss?!“, hatte er uns derweil ebenfalls identifiziert. „Was macht ihr Zwei denn hier?“
„Ja äh.. eigentlich sind wir ‘nem Beschwörungsruf gefolgt“, gab ich ihm die wahrheitsgemäße Erklärung für unsere unerwartete Präsenz.
„Was ihr beide?“
„Ja. Komisch, oder? Und du?“
„Na ja, ich auch.“
„Ach was?!“ Verwirrt blickte ich mich um. Doch der potenzielle Ansprechpartner für derlei Rückfragen stand nicht mehr zur Verfügung. Zumindest nicht mehr hier.
„Wahrscheinlich hat diese Diesseitshütte die Anwesenheit von drei Dämonen nicht verkraftet“, mutmaßte er im Hinblick auf unser flammendes Umfeld.
„Ja, wahrscheinlich“, bekräftigte ich der Einfachheit halber seine Fehleinschätzung und warf einen auffordernden Blick in Richtung Ausgang.
„Wir wollten gerade ein Taxi rufen“, meldete sich Mia hinter einem brennenden Brettergerüst zu Wort. „Willst du mit?“
„Ja, gerne.“

Draußen nieselte es leicht. Eine willkommene Abkühlung nach der Hitze im Schuppen.
„Ist ja schon ziemlich bescheuert, gleich drei Dämonen zu beschwören“, merkte unser Kollege an, während wir auf das Taxi warteten. „Hab ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt.“
„Wer weiß, was dem Trottel so für Beschwörungsfehler unterlaufen sind“, gab Mia schniefend ihre Einschätzung ab. „Hat dich Anmêlek dafür eigentlich auch aus dem Feierabend geholt?“
„Anmêlek? Nein. Ich kriege meine Beschwörungsrufe immer direkt.“
„Ach?“
„Ja, per App. Wobei, diesmal hat’s ein bisschen gedauert. Musste wohl erst ein Update laden. “
Unser Taxi fuhr vor. Mia kroch als erste auf die Rückbank. Der Nieselregen trug vermutlich nicht gerade zur Verbesserung ihres infektiösen Zustands bei.
„Nach dir äh,…“ Ich trat einen Schritt zurück, um den Dämon vorzulassen und nicht unmittelbar neben der schniefenden Mia zu sitzen. „Wie heißt du eigentlich?“
Ich schlüpfte hinter ihm auf den Sitz und zog die Tür zu.
„Ach so, Mhyacaî und ihr?“
Den entsetzten Blick konnte ich mir nicht ganz verkneifen. Mia gab ein genervtes Brummen von sich, das wie „Anmêlek, der verfluchte Idiot!“ klang.
Für die nächsten drei Tage meldete sie sich krank.

C. Holister (c) 2017

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