Demon’s Diary 4 (3)

Begleitservice (Fortsetzung 2)

Dass in jenem Moment der Teppich unter unseren Füßen aufflammte, wunderte mich trotz der energischen Ansage schon. Ich sah zu Mia hinüber, die nur verwirrt mit den Schultern zuckte.
„Hat es geklappt?“ Der Diktator beugte sich indes aufgeregt über seinen Schreibtisch, um einen Blick auf die entstandenen Verheerungen zu werfen.
Ich schaute ebenfalls an uns herab. Die Fäden des Läufers waren bis auf die umgrenzenden goldenen Linien vollständig verbrannt. Selbige formten das Bild zweier überlagerter Quadrate, gleichsam eines achtzackigen Sterns.
Ich trat einige Schritte zurück und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich nicht weiter als eben jener glänzenden Kante kam. Es war, als hätte sich eine unsichtbare Wand dort aufgebaut, die selbst mittels Teleportation nicht zu überwinden war. Dieser verfluchte Teppich!
„Es sieht ganz so aus“, bekundete der hagere Berater-Minister, der meine Ausweichversuche offenbar registriert hatte.
„Ich vergaß zu erwähnen, dass mein erster Minister auch mein magischer Beirat ist.“
„Ihr verdammten…“, hob Mia aufgebracht an, die gerade selbst einen ergebnislosen Anlauf unternommen hatte, die Überreste des Läufers zu verlassen.
„Aber, aber“, unterbrach sie der Minister-Magiebeirat. „Wir wollen doch beim einschlägigen Geschäftsjargon bleiben.“
„Ja, ja, das Geschäft!“ Der Despot klatschte in die Hände. Sein Gesicht schien sich wieder mit neuem Leben zu füllen.
„Warum meinen Sie, dass wir jetzt dazu bereit wären mit Ihnen Geschäfte zu machen?“, polterte ich.
„Ich denke, da bleibt Ihnen kaum eine Wahl.“ Der dürre Minister umkreiste uns mit kritischem Blick.
„Es sei denn, Sie möchten den Rest Ihrer Ewigkeit in meinem Büro verbringen.“ Dem Diktator entwich sogleich ein triumphierendes Lächeln.
Mia und ich stöhnten gleichzeitig auf. Sie dachte dabei vermutlich an die letzte Gassirunde mit Kerberos, ich an die letzte Nacht mit unserem Chef. Über die aktuellen Entwicklungen würde er alles andere als erfreut sein.
„Ok, was wollen Sie?“ Mia verschränkte die Arme. Wie immer, wenn sie unter Anspannung war. Die Aussicht auf einen längerfristigen Verbleib an diesem Ort hatte ihren Kooperationswiderstand schnell gebrochen.
„Wissen Sie, ich habe mich so an meinen Status der Macht gewöhnt. Und selbst, wenn ich heute Ihre freundliche Aufforderung leider ausschlagen muss, Sie vorzeitig in die Hölle zu begleiten…“ Er machte eine kurze Pause, als wartete er auf eine Reaktion von uns, doch er bekam keine. „Nun, meine Damen, ich bin ein alter Mann. Meine Tage auf diesem Planeten sind gezählt…“
„Nun komm zum Punkt!“, quengelte Mia, die gerade nicht nur ihren Urlaub dahinschwinden sah. „Was willst du genau? ‚Ne Verjüngungskur?“
„So ähnlich… Unsterblichkeit.“
„Unsterblichkeit?!“ Ich schüttelte den Kopf.
„Diesseitige können nicht unsterblich werden“, brauste Mia nun wiederum auf. „Daher nennt man sie ja auch ‚Sterbliche‘!“
„Ist das wahr?“ Der Diktator blickte zu seinem Berater-Magier hinüber.
„Natürlich nicht!“, dementierte jener sogleich. „Ich vermute, sie besitzen nur nicht die Macht dazu. Vielleicht sollten wir doch lieber ihren Vorgesetzten dazuholen.“
„Unser Chef wird nicht kommen, um mit Ihnen über solche Kindereien zu verhandeln.“ Ich steckte die Hände in die Taschen. Meine Geste der Nervosität.
„Selbst, wenn dies den Verlust zweier so ranghoher Dämonen und Mitarbeiter bedeutet“, zischte der Minister von der Seite.
Ich seufzte. Nicht nur Mitarbeiter.
„Und selbst, wenn sich die Einlösung eines so wichtigen Vertrages verzögert?“, fuhr er fort. „Einen, den er noch dazu selbst ausgehandelt hat. Gerade er würde nicht zulassen, diesen Vertrag platzen zu lassen!“
„Und der Vertrag wird platzen, wenn er nach dem Verstreichen des heutigen Datums nicht vollzogen wird“, fühlte sich der Diktator bewogen, einen unvermeidlichen Kommentar zu dem Sachverhalt beizusteuern. „Und wie Sie ja sagten: Die Statuten sind bindend!“ Er strotzte förmlich vor Überlegenheit.
Ich fuhr nervös mit den Fingern durch die Taschen und schob ein paar Kaugummis hin und her, die sich aus der Verpackung gelöst hatten. Der Minister hatte nicht unrecht. Doch von unserem Standpunkt aus spielte es keine Rolle, ob unser Chef auftauchen würde oder nicht. Wir wären in jedem Fall die Gearschten.
„In Ordnung“, holte ich schwerfällig aus. „Ich gebe auf. Und gewähre Ihnen den Wunsch auf Unsterblichkeit.“
„Aber Cay…“ Mia sah mich fragend an. Allerdings begriff sie schnell. „Ähh, ich meine nur, weil noch nie einem Sterblichen diese, äh, Gnade zu Teil wurde und so.“
„Dann haben wir heute eben eine Premiere.“
Der Diktator sprang förmlich von seinem Sessel. „Haben Sie das gehört, Fjordor?“
Jener schien skeptisch.
„Ich weiß nicht, ob Sie ihr trauen sollten“, gab er zu bedenken.
„Warum nicht? Sehen Sie denn nicht die Verzweiflung? Was sollte es ihr schon bringen, mich zu belügen.“
Ich lächelte. Bemüht darum, meinen Ausdruck von offensichtlicher Hilflosigkeit nicht zu verlieren. Mit theatralischer Verzögerung streckte ich die Hand aus und ließ ein kleines weißes Dragee darin erscheinen. Ein effektvoller Miniaturfeuerball durfte natürlich nicht fehlen.
„Bittesehr“, hob ich feierlich an, „komprimierte Unsterblichkeit.“
„Minister, reichen Sie mir diese Pille!“ Gierige Augen fixierten das unscheinbare und doch so vielversprechende Objekt.
„Es könnte ein Trick sein“, zögerte indes der Angesprochene. „Was, wenn es Gift ist?“
„Dann werden beide die Konsequenzen dafür tragen. Und nun die Pille bitte!“
Ein spinnenartiger Handschuh griff durch die unsichtbare Barriere, die uns umgab, nahm das Dragee und reichte sie einem sichtlich zufriedenen Diktator.
„Die Jahre umzukehren vermag diese jedoch nicht“, konstatierte ich mit bedeutsamer Stimme. „Ihre Jugend erhalten Sie also nicht dadurch zurück.“
„Mit dieser Einschränkung kann ich leben.“ Schon verschwand die Pille hinter seinen faltigen Lippen.
Kurze Zeit später bestätigendes Lächeln.
„Ich kann es bereits spüren!“, freute er sich. Er biss ein paar Mal auf dem Dragee herum, bevor er es gänzlich hinunterschluckte. „Welch Erhabenheit! Welch ein Gefühl von Unendlichkeit! Ich bin Ihnen sehr verbunden, meine Damen!“
„Wie schön. Können wir dann endlich gehen?“ Mia blickte einmal mehr aus dem Fenster auf einige der verdorrten Palmen.
„Und schließlich möchten Sie ja Ihre Unsterblichkeit behalten….“, ergänzte ich verhalten.
„Selbstverständlich! Es war mir eine Freude, mit Ihnen zu verhandeln. Fjordor, wären Sie so freundlich?“
Der Minister sah ihn nur ratlos an.
„Fjordor, was ist denn? Lösen Sie den Bann! Ich habe, was ich wollte.“
„Aber Sie wissen doch gar nicht…“
„Ich kann die Unsterblichkeit fühlen, Fjordor!“
„Sie sind nicht unsterblich!“, wirbelte der Magieminister-Berater herum.
„Wie können Sie es wagen, das infrage zu stellen?!“
„Soll ich es Ihnen beweisen?“
„Ich bitte darum!“
Der Minister griff unter seine Robe und holte eine schlanke, schallgedämpfte Pistole hervor.
„Eine gute Idee!“, frohlockte der Diktator. Eine Kugel traf ihn sofort in die Brust.
„Sehen Sie, Fjordor! Und nun lassen Sie unsere Gäste bitte…“ Er sackte in sich zusammen, derweil sich ein dunkler Fleck auf seinem reichdekorierten Uniformsakko ausbreitete.

 

C. Holister (c) 2017

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