Demon’s Diary 5 (1)

Nummer fünf – yay! So langsam beginne ich mich, an die beiden zu gewöhnen. Diesmal bleiben sie ausnahmsweise mal in der Hölle. Treffen aber auf unerwarteten Besuch…

Testphase

Eine bahnbrechende Innovation! So titelte der beigefügte Zettel, den ich just zwischen dem Gewirr aus grauen Styroporkügelchen eines sonst eher unscheinbaren Pappkartons herausgefischt hatte. Kurz nach Arbeitsbeginn war jener auf der Türschwelle des Büros aufgetaucht. Nun schrien meine dämonischen Instinkte geradezu nach einer näheren Inspektion. Außerdem liebte ich jede Art von Zwischenfällen, die meinen Arbeitsalltag in der höllischen Hauptverwaltung unterbrach.
Mit leuchtenden Augen durchwühlte ich die Tiefen des Pakets und war zunächst enttäuscht, lediglich ein schnödes Tablet daraus hervorzuziehen. Nicht nur, dass ich schon ein solches besaß, dieses hier erinnerte doch sehr an die Modelle unserer Zuteilungsstelle, auf denen sie die Seelenakten abrufen konnten.
Ein zweiter Blick auf den beiliegenden Zettel bestätigte meine Vermutung der vermeintlichen Fehlzustellung.
Das Σ all-in-one ist die Weiterentwicklung des Models Σ3, überflog ich. Der gewohnte Zugriff auf sämtliche Akten, jetzt kombiniert mit zeitsparender Scanfunktion und integriertem Sündencheck. Im Automaticmodus einfach Seele scannen, Sünde anzeigen lassen und Zuteilung vornehmen! Natürlich ist auch eine manuelle Handhabung…bla..bla. Ich sparte mir die näheren Erläuterungen, die ohnehin nicht an mich adressiert waren. Dagegen würde unsere Oberste Seelenzuteilerin schon eher etwas damit anfangen können…
Ich entschied, dass die Verwaltungsarbeit des Vormittags warten konnte und ich stattdessen die fachgerechte Auslieferung jener ‚bahnbrechenden Innovation‘ vornehmen würde. Zudem war ich selbst gespannt darauf, jene in Aktion zu sehen.
Das Tablet in der Hand machte ich mich auf den Weg zur Seelengrube, die über ein Portal im siebten Stock der höllischen Hauptverwaltung auf kurzem Weg zu erreichen war. Auf der steinigen Ebene am Rande des Höllenkraters, nur einige Meter entfernt von der kreisförmigen Vertiefung, in der die Seelen von eifrigen Transportteufeln zur Übergabe an ihr ewiges Schicksal abgesetzt wurden, trat ich wieder hervor. Insgesamt schien die Mulde recht voll zu sein und umso mehr wunderte es mich, die Chefzuteilerin mit genervter Miene und Zigarette in der Hand an deren Rand stehen zu sehen.
„Hey Mia“, begrüßte ich sie beschwingt, „was ist los? So früh bereits gestresst?“
„Cay?“ Sie sah auf die Uhr. „Und du? Warst du heute überhaupt schon im Büro?“
„Tatsächlich komme ich gerade aus dem Büro“, ließ ich mir meinen Enthusiasmus nicht nehmen. „Ich hatte sogar schon Besuch aus der Entwicklungsabteilung…“
Selbst dieses Triggerwort löste keine sonderliche Begeisterung aus.
„Na wie schön“, zischte sie mit sich überschlagender Ironie. „Dafür hatte ich Besuch von ein paar Härtefällen. Nur, dass die keine Geschenke dagelassen haben.“
„Hört sich an, als hätten sie stattdessen was anderes dagelassen.“
„Ja. Sich selbst.“ Sie nahm einen weiteren Zug von ihrer Zigarette, die sie danach demonstrativ in Richtung Grube schnippte. „Sorry Cay, aber ich bin gerade wirklich nicht in der Stimmung, um mir die Neuigkeiten zur aktuellen Teleportationsapp oder Beschwörungs-Watch anzuhören.“
„Es ist ein neues Seelenzuteilungtablet mit Scanfunktion“, startete ich einen weiteren Versuch, sie aus der Reserve zu locken. „Ist aus irgendeinem Grund bei uns in der Chefetage gelandet, aber ich dachte, du kannst sicher mehr damit anfangen.“
Tatsächlich hellte sich ihr Gesicht ein wenig auf. Interessiert zog sie eine Augenbraue hoch. „Ach?“
„Ja, sieh selbst – eine ‚bahnbrechende Innovation‘.“ Ich drückte ihr Tablet samt Kurzbeschreibung in die Hand und fühlte mich ein bisschen wie ein Warenanpreiser in Dauerwerbesendungen. Mia überflog den Zettel flüchtig. Sie hatte das Gerät bereits eingeschaltet.
„Na gut“, bekundete sie. „Dann wollen wir diese unglaubliche Erfindung mal im Einsatz testen.“
Ich klatschte in die Hände und folgte ihr mit einem Satz in die Grube. Die Seelen tummelten sich dort mit verschreckten Gesichtern vor allem an den Rändern, wo sie hofften, nicht so schnell entdeckt zu werden und damit einen Aufschub ihrer Zuteilung zu bewirken, was selten klappte. Sofort hatte Mia sich einen von ihnen als Probekandidaten auserkoren.
„Ok, was haben wir denn da?“ Sie hielt ihm das Tablet entgegen, als wolle sie ein Foto von ihm machen. Ein paar Eingaben und ein Surren ertönte aus dem Gerät.
„Aha – Doppelmord!“, freute sie sich und wischte über die Oberfläche. „Kreis sieben, Sektion A – ganz richtig!“ Auf ihren Wink hin, machte sich sogleich einer der umstehenden Teufel an die Transportarbeit. Beschwingt scannte Mia derweil den nächsten Sündenanwärter.
„Ich kann mir wirklich nichts vorwerfen, ich…“, zeterte jener, bevor sie ihn eines Besseren belehrte: „Veruntreuung – gleich mehrfach! Kreis acht, Sektion G, ha!“
Weitere Fälle schlossen sich rasch an: Verschwendung von Steuergeldern (Kreis vier, Sektion A), Verbreitung von Fakenews (Kreis acht, Sektion H) und fortgeschrittener Vandalismus (ebenfalls Kreis sieben, Sektion A).
„So, dann wollen wir mal sehen, was dieses Wunderwerk der Technik für diese Härtefälle bereithält!“
Ich folgte ihr auf die andere Seite der Grube, wo sich ein Grüppchen aus Seelen gesammelt hatte, das ungewohnt eifrig am diskutieren war.
„Ah Fräulein, da sind sie ja wieder!“, begrüßte sie sogleich einer von ihnen, ein älterer Herr mit beigefarbener Weste und Ledersandalen.
„Es hat sich gleich ausgefräuleint…“, zischte sie, das Gerät zum Initialscan parat haltend. Er ließ sich davon allerdings kaum aus der Ruhe bringen.
„Vielleicht könnten Sie uns jetzt verraten, wie wir von hier wieder in die Innenstadt kommen“, fuhr er unbeirrt fort.
„Du wirst gleich sehen, wohin… hey!“
„Was ist?“, fragte ich auf Mias sich jäh verdüsternde Mimik hin nach.
Vielen Dank, dass Sie das Σ all-in-one getestet haben, für die Weiterverwendung nach der Testphase wenden Sie sich bitte an die Entwicklungsabteilung!“, zitierte sie grimmig. „Von wegen Testphase!“
Wütend drückte sie auf dem Gerät herum, gab es schließlich auf und klemmte es unter den Arm, die Flügel bereits zum Blitzstart ausgebreitet.
„Hey, was hast du vor?“
„Mir die ‚Weiterverwendung nach der Testphase‘ sichern, was denkst du denn?!“, kam nur genervt zurück. „Warte hier, lange kann es nicht dauern.“
„Ja, aber…“
„Vielleicht bekommst du ja sogar ein paar Seelen verteilt, während ich weg bin.“
„Ähh…“ Stirnrunzelnd blickte ich ihr nach. Viel Zeit, mich über ihren impulsiven Aufbruch zu wundern, hatte ich allerdings nicht.
„Fräulein… da nun Ihre Kollegin wieder entfleucht ist, vielleicht können Sie uns jetzt weiterhelfen?“
Entgeistert sah ich ihn an. „Ihnen ist schon klar, dass Sie hier in der Hölle sind, oder?“
„Aber selbstverständlich!“, äußerte sich nun ein bebrillter Typ im Pullunder, der ebenfalls zu der sonderbaren Gruppe gehörte. „Sonst wären wir ja nicht hier.“
„Ja Kleiner, Gratulation zu der Erkenntnis!“, tat ich meine künstliche Wertschätzung über so viel Auffassungstalent kund, doch er fuhr unbeirrt fort: „Allerdings würden wir uns nun wirklich gerne die Stadt ansehen.“
Ich beschloss daraufhin, die aktuelle Seelenlage nochmals näher zu erläutern. „Ok, also jetzt noch einmal für alle: Dies ist die Hölle, das heißt eure Ewigkeit in Qualen. Mit Sightseeing hat das hier wenig zu tun.“
„Verzeihung, das muss ein Missverständnis sein, wir sind ja nur vorübergehend hier“, fing der Besserwisser im Pullunder wieder an, „und wenn ich das so sagen darf, bietet Ihre Einrichtung nicht unbedingt den Komfort, den wir für unsere Ewigkeit erwarten.“
Bevor ich auf den verqueren Kommentar etwas antworten konnte, meldeten sich ferner ein verpeilt wirkender Typ im Karohemd, der Rentner und eine Tussi mit Jute-T-Shirt zu Wort.
„Richtig – hier gibt’s nicht mal WLAN!“
„Die Waschräume sind in einem katastrophalen Zustand!“
„Ganz zu schweigen von der offensichtlichen Abgasbelastung!“
„Das hättet ihr euch vielleicht überlegen sollen, bevor ihr im Diesseits irgendwelchen Mist gebaut habt“, hob ich an.
„Aber wir haben doch gar nicht…“
„Natürlich nicht. Aber glaubt mir ruhig, wir finden schon eine geeignete Höllenstrafe für euch, ob ihr wollt oder nicht!“
Meine letzten Erläuterungen schienen nun doch eine allgemeine Panik aufkeimen zu lassen. Wiederum brach die Gruppe in wildes Diskutieren aus, bis ein Managertyp im nadelgestreiften Businessoutfit energisch das Wort ergriff: „Alles mit der Ruhe – keiner von uns wird zugeteilt! Es muss hier einen Prozessfehler geben. Unser Schutzengel wird das sicher aufklären.“
Ein Schutzengel?! Ich lächelte zynisch. „Ihr könnt natürlich gerne euren persönlichen himmlischen Boten anrufen und euch beschweren.“
„Ich hab nicht mal Empfang hier!“, beklagte sich sogleich mein Gegenüber, woraufhin sich der Rentner über das allgemeine Technikversagen mokierte und der Karohemd-Hipster empört ankündigte: „Ich werde einen sehr negativen Post zu dieser Location auf meinem Blog verfassen!“
„Wir können ja demonstrieren!“, rief die Juteshirtaktivistin kurzum zu sinnlosem Aktionismus auf. „Los, wir machen eine Sitzblockade!“

Fortsetzung folgt….

C. Holister (c) 2017

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