Fünf Uhr morgens

Es ist fünf Uhr morgens und der Weckton meines Handys reißt mich aus dem Schlaf. Fünf Uhr. Oh, Mann. Ich schlage die Augen auf, fixiere eine Weile die Zeitprojektion an der Decke. Fünf Uhr eins. Kraftlos pelle ich mich aus dem Bett.
Seit zwei Wochen ziehe ich die Fünf-Uhr-Challenge jetzt schon durch. »Mit der Zeit gewöhnt man sich dran«, haben sie gesagt. »Die ersten drei Tage sind die schwierigsten«, haben sie gesagt, während es mir von Tag zu Tag schwerer fällt.
Ich schlurfe ins Badezimmer. Vor dem Spiegel gähne ich mein Spiegelbild an.
»Wie kommt man bloß auf so eine Scheißidee, um fünf Uhr morgens aufzustehen?«
Mein Spiegelbild lächelt. »Ich glaube, das hattest du aus so einer Lifestyle-Zeitschrift.«
»Was? So was lese ich doch gar nicht!«
»Dann war es eben dieser Besseres-Erfolgreiches-Leben-Blog, auf dem du hin und wieder vorbeischaust.«
Ich stelle den Wasserhahn an und halte mein Gesicht darunter. Hilft nicht. »Scheißidee«, brumme ich in das Handtuch.
»Wusstest du, dass Frank Lloyd Wright* die Zeit zwischen vier und sieben Uhr morgens genutzt hat, um seine Ideen zu entwickeln?«, hebt mein Spiegelbild erneut an.
»Nein, wusste ich nicht.« Ich krame meine Zahnbürste hervor und beginne sehr uninspiriert, mir die Zähne zu putzen.
»Du kannst deine Zeit besser einteilen, hast weniger Stress, hast den Kopf frei für die wesentlichen Dinge«, fährt es ungefragt fort, wobei es eine Art Seminarleiterpose angenommen hat. »Das entspannt, ist gut für die Gesundheit, die Kreativität …«
»Ift daf fo?« Ich spucke aus und werfe einen genervten Blick in den Spiegel. »Tatsächlich ist das nächste Guggenheim-Museum so ziemlich das letzte, das mir einfällt.«
»Du bist ja auch kein Architekt.«
»Nö.«
»Vielleicht fällt dir ja etwas anderes ein.«
»Ja, wieder ins Bett gehen.« Ich fixiere mein Gegenüber, das die Hände in die Hüften gestemmt hat und mich grimmig anblickt. »WAS?«, fahre ich es an.
Mein Spiegelbild flackert. Wie eine Windhose oder auch ein sehr verzerrtes Guggenheim Museum entschwindet es in einer spiralförmigen Bewegung nach und nach im Abfluss. Ich bleibe auf der anderen Seite zurück und starre in die nunmehr unbelebte Reflexion des Badezimmers. Frank Lloyd Wright kommt durch die Tür herein und reicht mir mit väterlichem Nicken einen Becher Kaffee.
›Danke, Frank‹, denke ich, nicke ihm zu und nehme einen tiefen Zug.
Ich schlage die Augen auf und blicke auf die Projektion an der Decke. Sieben Uhr eins. Einmal tief durchatmen und ich pelle mich aus dem Bett. Fünf Uhr morgens ist einfach nicht meine Zeit.

C. C. Holister (c) 2019

  • Frank Lloyd Wright 1867-1959, Architekt, u.a. des berühmten Baus des Guggenheim Museums New York von 1959.

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