Zwerge

Nach den besinnlichen kurzen Posts der letzten Tage nun mal etwas Längeres…Witzig-Unterhaltsames mit einem nicht zu verleugnenden Wahnsinnsfaktor. Eine Kurzgeschichte, die schon vor einigen Jahren entstand. Für alle, die hin und wieder mit den Ergebnissen der heutigen Technik kämpfen und sich fragen , was wohl dahinter steckt. Im Hinblick auf die heutigen Entwicklungen fast visionär  ;-). Fast.

PAULAS ZWERGE – Teil 1

Ein dumpfer Schlag, der von draußen kam, ließ Paula aufschrecken. Sie schaute auf die Uhr. Es war viertel nach zehn. Viel zu spät! Dabei hatte sie doch den Wecker gestellt. Erschrocken von beidem, dem lauten Geräusch und der Tatsache verschlafen zu haben, schwang sie sich aus dem Bett. Sie ging zum Fenster und sah hinaus in den Garten, wo die Ursache des Lärms quasi unter ihr lag.
Es hatte die Nacht zuvor stark gestürmt. Mehrere Blumenkübel waren weggefegt worden, lagen nun kreuz und quer im Garten verteilt und soeben war die Satellitenschüssel, die sich die Nacht über wohl noch tapfer an einem letzten Stück Blech hängend auf dem Dach gehalten hatte, ins Rosenbeet gestürzt.
‚Da wird Jon bestimmt gleich ne neue kaufen, technisch auf dem neusten Stand versteht sich’, vermutete sie, während sie gähnend ins Badezimmer schlurfte.
„Dusche bitte heiß!“, diktierte sie, sich aus ihrem Nachthemd pellend. Die Dusche sprang jedoch nicht sofort an, wie sie dies gewöhnlich tat. Sie stellte sich unter die Brause und wiederholte den Befehl nun etwas deutlicher.
„Dusche heiß!“ Die Dusche sprang an und das Wasser war eiskalt. Mit einem Schrei hüpfte Paula zurück. „Dusche aus!“ Vielleicht waren bei dem Sturm die Wasserleitungen beschädigt worden? Prüfend drehte sie den Warmwasserregler am Waschbecken auf, doch siehe da, es war warm.
‚Na gut’, dachte Paula, ‚dann gibt es eben nur ne Katzenwäsche.’ Sie hatte sich für heute den Großputz der Wohnung vorgenommen und da sie verschlafen hatte, musste sie ja ohnehin zügiger als sonst in die Puschen kommen.
Fertig angezogen und zumindest halbwegs frisch marschierte sie die Treppe runter ins Wohnzimmer, überlegte kurz, wie sie vorgehen wollte und beschloss erst mal zu frühstücken. Bevor sie dazu kam, wurde sie zunächst von Bill begrüßt, der fröhlich bellend auf sie zugerannt kam. Bill war eine Mischung aus Dogge und Collie und sah aus wie ein zeltartig aufgetürmter schwanzwedelnder Flokati.
„Na, mein süßer musst du mal raus?“ Paula machte Bill die Gartentür auf. Schnell in die Küche, eine Schale mit Müsli gefüllt, etwas Milch… Sie öffnete den Kühlschrank. Milch war alle.
‚Seltsam, warum hat er denn keine bestellt?’, fragte sie sich, den Kühlschrank forschend betrachtend. Die Eier, von denen sie gestern Abend die letzten verbraucht hatte, waren ebenfalls nicht nachbestellt worden.
„Auch das noch, jetzt muss ich auch noch einkaufen“, sagte Paula zu sich selbst. Bill war inzwischen wieder ins Haus gesprungen und hatte sich enttäuscht über den knappen Auslauf auf dem Wohnzimmerteppich ausgebreitet. Paula schloss die Tür, aus welcher der Wind kalt hineinwehte.
„Heut Nachmittag gehen wir eine große Runde“, versprach sie Bill, „aber erst muss ich zusehen, dass ich meinen Haushalt in den Griff kriege.“ Sie überlegte sich, dass es effektiver wäre, während des Einkaufens schon mal den Staubsauger loszuschicken. Hastig stellte sie den PC an und holte den Sauger aus seiner Kammer. Beim Wählen des Programms musste sie immer überlegen und hatte sich als Hilfe einen Zettel auf das Gerät geklebt.
„Programm 2, Stufe 1!“, befahl sie und der kleine Sauger huschte los.
Der PC war indessen hochgefahren. Jon hatte extra für sie die „benutzerfreundliche“ Oberfläche installiert. Dementsprechend begrüßte sie ein silberfarbenes Kästchen mit den Worten: „Was möchten Sie tun?“
„Einkaufen, bitte“, sagte Paula und der virtuelle Einkaufswagen wurde geöffnet. Dort konnte sie die verschiedenen Lebensmittel, die sie benötigte, anklicken. Eier, Milch und, weil sie gerade dabei war, ein paar Becher Vanillepudding, Joghurt, Aufschnitt, Diätsahne und gefrorene Erdbeeren. Sie klickte auf das Kassensymbol, aber prompt erschien ein rotes Kästchen auf dem Bildschirm: „Fehler in Modul 287:5000ZW. Ihr Rechner wird heruntergefahren.“
‚Das darf doch wohl alles nicht wahr sein!’, dachte sie verärgert und wurde dabei auf den Staubsauger aufmerksam, welcher sich beim Sofa angekommen nur noch im Kreis drehte. Ärgerlich sprang sie auf und schnappte sich das Gerät. Sie schaltete es aus und drehte es in alle möglichen Richtungen, um eventuell einen Widerstand oder sonstigen Fehler zu entdecken. Am Bauch des Apparats stieß sie auf eine kleine Klappe, die aber keinen Öffnungsmechanismus zu besitzen schien. Paula friemelte eine Weile daran herum, bis sie eine Aufschrift entdeckte, die besagte, dass „diese Klappe nur von technischem Fachpersonal (…)“ zu öffnen sei, da sonst erhebliche „Schäden am Gerät (…)“ verursacht werden würden. Entnervt ließ Paula von dem Gegenstand ab. Lange Zeit zum Ärgern hatte sie nicht. Irgendwo war ein Pochen zu hören. Skeptisch lauschend ging sie in den Flur, aus dem das Geräusch zu kommen schien, von der Haustür, um genau zu sein. Es war unregelmäßig und wurde mal lauter, mal leiser, als sie jedoch näher kam, verstummte es.
Sie öffnete die Tür. Zuerst wollte sie diese auch gleich wieder zuschlagen, in der Vermutung Opfer eines Streichs der furchtbaren Blagen von nebenan geworden zu sein, denn es war nichts zu sehen. Ein gewisser Instinkt ließ sie dann aber doch die Lage, also die Türlage, gründlicher inspizieren und als ihr Blick in Richtung Schwelle glitt, musste sie erst einmal ungläubig blinzeln.
Vor ihr auf der Fußmatte stand ein Männlein, nicht etwa in der Größe eines Kindes oder eines sehr kleinen Menschen, nein, es war vielleicht dreißig Zentimeter hoch, trug einen dunkelblauen Overall und eine rote Schirmmütze. Es hatte einen sehr langen Bart, der silbergrau schimmernd und manchmal vereinzelt aufleuchtend bis knapp über dem Boden hing.
‚Ein Gartenzwerg!’ Oder ‚ein Spielzeug!’, hätte Paula fast gedacht, hätte es nicht seinen Kopf erhoben, sie verlegen angeblinzelt und „Guten Morgen!“ gesagt. Erschrocken wich sie ein Stück zurück. Der Zwerg verstand dies anscheinend als eine Geste, dass er eintreten solle und dementsprechend stand er auch schon in Paulas Flur.
Noch völlig perplex die nun leere Türschwelle betrachtend, hörte sie Bill, der schwanzwedelnd aus dem Wohnzimmer in den Flur hüpfte und den seltsamen Gast entsprechend weniger zurückhaltend gegenüber trat.
Im nächsten Moment huschte ihr entsprechend ein verängstigter Zwerg um die Füße, der mit wild umherwedelnden Armen vor Bill flüchtete.
„Hilfe, bitte, Hilfe!“, rief der kleine Mann und fand schließlich ein geeignetes Versteck hinter dem edelstählernen Schirmständer, den Bill daraufhin versuchte, beleidigt winselnd, beiseitezuschieben.
Paula beschloss, diesem Treiben ein für alle Mal ein Ende zu machen. Sie schob Bill sowie den Schirmständer zur Seite und packte das dahinter kauernde Männchen behutsam unter den Armen, um es auf der Kommode abzusetzen.
„Meine Mütze, meine Mütze!“, schrie es aufgeregt und Paula sah, dass Bill diese als einzigen Beuteerfolg noch in der Schnauze hatte. Sie sah Bill strafend an und nach einem drei- oder vierfachen „Aus!“ und einem Klaps auf die Nase spuckte er die kleine Schirmmütze widerwillig auf den Boden.
Paula hob sie auf und streifte vorsichtig den Hundesabber ab, bevor sie sie ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückreichte. Jener, immer noch leicht am zittern, nahm sie stirnrunzelnd entgegen und murmelte etwas vor sich hin, was so klang wie: „Oh, oh, oh, oh, das ist vielleicht ein Tag. Oh, oh…“
Nachdem dieser impulsive Zusammenstoß überstanden war, begann Paula, sich erneut zu wundern, was das eigentlich war, dem sie soeben vermeintlich das Leben gerettet und dessen Besitztümer sie verteidigt hatte. Sie sah den Zwerg verwundert an. Er murmelte noch eine Weile vor sich hin, blickte jedoch plötzlich, sich der Beobachtung bewusst werdend, zu ihr hoch.
„Was denn?“, stieß er irritiert aus.
„Was denn?!“, wiederholte Paula, sich allmählich sammelnd. „Das sollte ich wohl eher fragen. Da steht von einem Moment auf den anderen ein Wichtel vor meiner Tür, der einfach so in meine Wohnung spaziert und auch noch von meinem Hund gejagt wird….“ Sie glaubte im Grunde selber nicht, dass sie das gerade sagte.
„Ich bin doch kein Wichtel!“, wurde sie empört unterbrochen. „Ich bin ein Zwerg!“
„Ach was?!“, entgegnete sie wiederum, unschlüssig, ob sie sich das vielleicht alles nur einbilde.
Falls es eine Einbildung war, war sie jedenfalls sehr hartnäckig.

…Fortsetzung folgt.

C. Holister (c) 2005

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