Scherben

Nach einigen umtriebigen Wochen zwischen Arbeit und Urlaub kommt hier mal wieder etwas neues aus dem Bereich kurze Kurzgeschichte. Eine Art Fabel oder auch Psychogramm, wenn man so will, und sicher etwas ungewöhnlichen Stils. Vielleicht kann sich der ein oder die andere dennoch darin wiederfinden. Doch Vorsicht – Ihr könntet Euch schneiden… 

Etwas in dir bricht zusammen. Trotzig willst du mit dem fortfahren, was du gerade tust. Du versuchst, die Scherben zu ignorieren. Doch sie schneiden sich durch dein Innerstes. Explosionsartig wie ein zerberstender Krug.
Dunkelheit steigt auf. Eine ätzende Wolke, die alles umhüllt. Und zugleich zu zersetzen droht. Langsam breitet sie sich aus. Angestrengt beginnst du zu überlegen, was es war, das sie auf den Plan gerufen hat. Ein falsches Wort, eine Handlung, ein Gedanke? Sätze der vergangenen Stunden und Tage wabern durch dein Hirn. Der Kommentar des Kollegen, der wohlgemeinte Ratschlag deines Vaters, die beiläufige Erzählung eines Freundes.
Aber nein. Mit solchen Schuldzuweisungen warst du doch durch. Eigentlich weißt du genau, dass es jederzeit passieren kann. Kein tragischer, kein fröhlicher Moment ist eine Garantie für irgendwas.
Dein Pulsschlag erhöht sich. Du legst die Stirn in Falten. Und du selbst? Die unbewusste Angst des Versagens? Dir selbst und anderen nicht zu genügen? Nein. Schwachsinn.
„Schwachsinn!“, sagst du laut und jemand in deiner Umgebung sieht dich verwundert an. Du blickst auf. Die Welt um dich herum erscheint verändert. Karg und grau. Fast zweidimensional. Und bedrohlich. Als warte sie auf etwas.
Saure Tränen wandern deine Kehle hinauf. Immer wieder schluckst du sie runter. Schließt die Augen. Flüchtest vor der Dunkelheit in Dunkelheit. Blickst erneut auf. Besorgte Gesichter. Vielleicht. Richtig erkennen kannst du es nicht.
Die Luft hier wird zu dünn für dich. Das Atmen fällt dir schwer. Nervös schnappst du deine Jacke. Du musst hier weg. Sofort.

Draußen ist die Luft klarer. Du nimmst einen tiefen Zug und hetzt die Straße entlang.
„Warum, warum, warum?“, murmelst du vor dich hin. Deine Augen werden feucht und deine Hände greifen nach der Leere in deinen Taschen. Du läufst weiter, rennst fast. An einer Straßenkreuzung stoppst du. Wohin nun? Verzweifelt drehst du dich in alle Richtungen.
Und plötzlich steht sie vor dir. Die Realität. Ein fahler Engel mit grauem Haar und eisigem Blick.
„Lauf nicht weg“, flüstert sie. Du ignorierst sie. Willst dich an ihr vorbeischieben, doch sie versperrt dir den Weg. Unsanft stößt du sie beiseite und eilst weiter. Irgendwohin.
Du kämpfst gegen die Dunkelheit und die Scherben in deinem Innern. Beide sind so sinnlos. Genau wie dein Kampf.
Abgelenkt von der Auseinandersetzung bemerkst du das Auto nicht. Hupend weicht es noch so gerade aus, als es deinen Weg schneidet. Du wankst erschrocken zurück. Strauchelst. Prallst auf das Pflaster.
Die Realität beugt sich mit besorgtem Blick über dich. Sie streckt dir eine Hand entgegen, doch du drehst dein schmerzverzerrtes Gesicht von ihr weg. Schließlich setzt sie sich neben dich auf den Boden. Aus ihrer Tasche holt sie ein kleines Fläschchen und reicht es dir.
„Hier, gegen die Schmerzen.“
Es ist deine Medizin. Zögernd nimmst du sie an dich und nippst an der Flasche. Der Geschmack ist modrig. Dumpf. Lange nicht mehr so süß und erhellend wie früher. Gerade mal ein schwacher Lichtpunkt in der Dunkelheit.
„Darf ich?“ Fast schüchtern deutet die Realität auf die Flasche in deiner Hand. Warum auch nicht? Du reichst ihr wortlos die Medizin und sie nimmt einen tiefen Zug. Wie selbstverständlich lässt sie die Flasche anschließend wieder in ihrer Tasche verschwinden.
Du schaust zu ihr herüber. Ihre Haut wirkt rosiger als zuvor und ihre Augen strahlen geradezu Wärme aus.
„Was willst du von mir“, wendest du dich nun doch dem Engel zu. Er blickt geduldig in die Ferne.
„Aufmerksamkeit“, sagt er vorsichtig.
„Na dann hast du ja, was du wolltest.“ Du schenkst ihm ein ironisches Lächeln. Dann wieder Schweigen. Minuten vergehen. In dir: Leere.
„Immer noch besser als Scherben“, denkst du, „oder?“
„Die Frage ist doch, was willst du von mir“, kommt plötzlich unerwartet von der Seite. Der Engel sieht dich aufmerksam an.
„Wer bist du? Die Wunschfee?“
„Du weißt, wer ich bin.“
Du schluckst.

Es beginnt zu nieseln. Auch einige dickere Tropfen.
„Hast du einen Schirm?“, fragt der Engel. Du schüttelst den Kopf. Streichst über deine vom Aufprall schmerzenden Glieder.
„Na, komm schon!“ Er zupft an deiner Jacke. „Es gibt doch gemütlichere Orte, als dieses Pflaster.“
Schwerfällig richtest du dich auf und folgst ihm humpelnd unter ein Vordach.
Ihr betrachtet den anschwellenden Regen. Er füllt die Rillen im Pflaster. Die Leere füllt er nicht.
„Ich will nichts von dir“, sagst du nach einer Weile.
„Warum nicht? Ich kann dir so viel geben.“
„Ach, und was?“
„Was immer du möchtest.“
Du lachst abfällig. Scheint sich wohl für deinen Lebensverbesserer zu halten, dieser Engel.
„Dann mach, dass die Leere verschwindet. Und die Dunkelheit.“
„Das geht nicht.“
„Aha!“, rufst du entlarvend aus. „Und warum nicht?“
„Ohne die Dunkelheit gibt es kein Licht. Und ohne die Leere gibt es nur Alles. Aber Alles ist Nichts, ohne die Leere.“
„Dann bist du für mich nutzlos.“ Du weichst ein Stück zur Seite. Der Engel sieht dich mitleidig an.
„Was dir fehlt ist das Gleichgewicht. Ich kann dir helfen, es wieder herzustellen.“
Gleichgewicht? In deinem Kopf taumeln obskure Gedanken. Die Wirkung der Medizin scheint nachzulassen.
„Was brauche ich für das Gleichgewicht?“, willst du wissen.
„Eine Richtung.“
Gequält blickst du zu Boden. Dein Kopf schmerzt. Vielleicht von dem Aufprall? Den Scherben? Der Medizin? Du versuchst, dich zu erinnern, wo du hergekommen bist. Die Gegend hier kennst du nicht besonders gut. Vielleicht solltest du jemanden nach dem Weg fragen. Aber wohin willst du? Egal.
Du trittst hinaus in den Regen. Der Realitätsengel hinterher.
„Und was könnte das sein?“, fragst du ihn im Gehen.
„Alles“, antwortet er schulterzuckend. „Ein Job, Beziehung, Berufung, Erfolg, Freunde…“
„Und das alles kannst du mir geben?“
„Natürlich.“ Nun wirkt er wieder so fahl wie zuvor.
„Na dann los“, forderst du angriffslustig, „gib mir das alles!“
„In Ordnung.“
„In Ordnung? Du sicherst mir all diese Dinge zu? Einfach so?“
„Nein, nicht einfach so“, sagt er mit eisiger Stimme. „Ich bräuchte schon deine Seele.“
Geschockt siehst du ihn an.
„Das kannst du nicht verlangen!“
„Ich muss es sogar“, antwortet die Realität und umgreift unvermittelt deinen Arm.
Panisch windest du dich aus dem Griff. Springst von ihr weg. Wieder stellt sie dir nach.
„Warte!“, hörst du sie rufen. „Lauf nicht weg!“
Doch du läufst. Jetzt erst recht. Und achtest diesmal besser auf die Straße.
Die Dunkelheit pocht dumpf in dir. Aber nun kannst du sie übergehen. Die Flucht ist wichtiger.
Kurz drehst du dich um. Die graue Gestalt folgt dir noch. Fliegend wird sie dich bald eingeholt haben. Dein Blick schweift umher.
Da, ein Hauseingang! Er ist leicht nach hinten versetzt und schlecht beleuchtet. Das ideale Versteck. Du schlägst einen Haken und springst hinein.
Hast du sie abgehängt? Du spürst deinen Herzschlag bis weit in deinem Kopf. Adrenalin. Cortisol. Wie Medizin, nur belebender. Einige Meter entfernt hörst du den Schlag von Flügeln. Mist!
Du drückst dich gegen die Metalltür des Eingangs, um noch weiter in der Nische zu verschwinden. Ein Surren und sie gibt nach. Solltest du eine Klingel erwischt haben? Wie auch immer. Du nimmst die unverhoffte Einladung an. Schlüpfst durch die Tür. Ziehst sie hinter dir zu.
Vor dir ein Treppenhaus aus Beton. Daneben eine Fahrstuhltür mit einem Aufkleber: Defekt. Nun gut.
Du steigst einige Treppen hinauf. Zweiter Stock. Deine Schritte hallen in die Öde des Raums. Dritter Stock. Dein Puls hat sich fast normalisiert, als du vernimmst, wie unten die Haustür aufgeht. Vierter Stock. Ein Rascheln von unten. Nicht das dir vertraute Hallen von Schuhen auf Beton. Eher ein Gleiten. Fünfter Stock. War das ein Flügelschlag? Panik kommt auf. Sechster Stock. Siebter Stock. Du keuchst. Die ungewohnte Bewegung treibt dir den Schweiß auf die Stirn. Schneller ist kaum möglich. Achter Stock. Du hältst inne und horchst auf. Ein Rauschen unter dir. Es ist noch da. Und weiter. Neunter Stock. Zehnter Stock. Der letzte.
Hier endet die Treppe. Das Rauschen wird lauter. Du hastest durch den Flur. Wohnungstüren und Fußmatten. Vermeintliche Harmonie in Betonzellen.
Am Ende eine Stahltür. Fieberhaft rüttelst du an der Klinke und stößt sie auf. Hinter ihr führt eine schmale Treppe nach oben zu einer Luke. Das Dach. Du zitterst, als du hindurch steigst. Wagst nicht, hinter dich zu blicken. Kletterst in die Schwärze der Nacht. Es regnet noch immer. Der Dachbelag ist nass und rutschig. Ein Betonstück, das neben einem Lüftungsschacht liegt, hievst du auf die Luke. So.
Ein weiteres Lüftungsrohr identifizierst du als geeigneten Unterstand gegen den Regen.
Als du darauf zusteuerst, tritt hinter ihm die Gestalt des Engels hervor. Er sieht wütend aus. Mit versteinertem Gesicht schreitet er auf dich zu und du fliehst. Aber viele Ausweichmöglichkeiten gibt es hier nicht. Das weiß auch die Realität. Und grinst böse.
„Du glaubst, du kannst mir entkommen?!“, blafft sie dich an. „Ich bin immer da. Auch für dich.“
„Lass mich…“ Abwehrend streckst du deine Arme von dir. Sie kommt weiter auf dich zu.
„Nun, wenn du die guten Dinge nicht willst – bitte – du kannst auch die schlechten haben. Ohne Richtung. Ohne Ziel. Am Ende opferst du deine Seele so oder so.“ Grimmig schlägt sie mit ihren grauen Flügeln. Treibt dich vor sich her über das Dach.
„Nein!“ Kurz vor der Kante bleibst du stehen. Wirfst einen verzweifelten Blick in die Tiefe. Ein letzter Ausweg? Du zögerst.
„Das kannst du nicht machen!“, kommt es aufgebracht von hinten. Du drehst dich um.
„Ach ja?“, versuchst du, entschlossener zu klingen als zuvor. „Und wenn doch? Dann war es das mit dir, nicht wahr?!“
„Und mit dir….“
„Na und?“
„Was ist mit deiner Zukunft? Den Menschen, die dich lieben? Deinen Verpflichtungen?“
„Ich bin nur mir selbst verpflichtet!“, brüllst du durch die Nacht. Alles ist dunkel. Die Gestalt kaum noch zu sehen. Ein leises „Ach ja?!“ ertönt aus irgendeiner Richtung.
„Und am wenigsten dir!“, fügst du deiner letzten Aussage zornig hinzu. Provokativ machst du einen Schritt rückwärts auf den Abgrund zu. Regen und Wind umfangen dich. Geräusche der Nacht. Sonst ist alles still. Ist der verdammte Engel endlich verschwunden? Verfluchte Realität! Wie weit muss man gehen, um…
Direkt vor dir taucht sie wieder auf. Mit verzerrter Fratze und vom Wind zerzausten Haar. Entsetzt stolperst du nach hinten.
„Ich sagte doch, ich bin immer da!“, lächelt sie. Kurz bevor du fällst, reißt sie sich die Maske vom Gesicht. Du blickst in die Augen deines dunklen Ichs, das deinen Fall triumphierend verfolgt.
„Vielleicht“, denkst du, „vielleicht ist die Realität unten.“ Und wenn nicht? Scherben.

C. Holister (c) 2017

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