Demon’s Diary 1 (1)

Eine Kurzgeschichte der etwas anderen Art. Zugleich eine Auskopplung aus einer viel weiter gefassten Rahmenstory, die sich gerade in ein größeres Buchprojekt verwandelt. Die beiden charmanten Hauptcharaktere bieten aber im Prinzip genügend Stoff für eine ganze Reihe kleinerer Zusatzepisoden, insofern ist die folgende Geschichte sicher erst der Anfang. Und ja: Es geht um Dämonen. Dämonen wie du und ich quasi…

Staffelende
Etwa zum Abschluss der vierten Staffel von „The Walking Dead“ klopfte es an der Tür. Das heißt, im Grunde war es mehr ein heftiges Hämmern, das in seiner aufdringlich-ungehaltenen Art das Ende unseres bislang so entspannten Serienmarathons ankündigte.
Vom Flur aus vernahmen wir zwei Stimmen.
Eine davon gehörte zu Ethel, einer spinnenhaften älteren Dame mit geblümter Kittelschürze und zartlila Wolkenfrisur. Sie wohnte ebenfalls mit im Haus und hatte schon gestern Abend versucht, uns das Finale der letzten Staffel von „Game of Thrones“ zu vermiesen, indem sie mehrfach den Fernsehstecker herausgezogen hatte. Dementsprechend hatten wir kurzerhand beschlossen, sie auszusperren.
„Es war grauenhaft, Pater!“, war ihre Keifstimme von draußen zu hören. „Über den Boden haben sie mich geschleudert und meine Gliedmaßen in die unnatürlichsten Richtungen verrenkt!“
Ja, gut. Aber was hätten wir sonst machen sollen? Nach dem dritten Mal Stecker rausziehen hatten wir wirklich die Schnauze voll gehabt. Und jener Handgriff ist mit auf dem Rücken zusammengeknoteten Armen eben nur bedingt möglich.
Die Schleuderaktion hatte daraufhin zumindest für die nächsten dreißig Minuten für Ruhe gesorgt. Doch Ethel zählte zu der hartnäckigen Sorte. Nachdem bei wiedereinsetzendem Bewusstseinszustand das Gewüte erneut losgegangen war, war uns quasi gar nichts anderes übriggeblieben, als sie vor die Tür zu setzen.
„Dann haben sie mich zur Decke emporgehoben und mich oben aus dem Fenster geschmissen! Es war einfach furchtbar!“
Meine Güte, musste sie da jetzt so ein Aufhebens drum machen? Sie konnte froh sein, dass es nur der erste Stock war. Noch dazu mit dem Gemüsebeet darunter, das ihren Aufprall höchstwahrscheinlich abgefedert hatte.
„Wie lange sind ihr Sohn und ihre Schwiegertochter denn schon in dem Zustand?“
Diese Stimme war neu. Ich identifizierte sie als männlich, auch wenn ihr in ihrer Quäkigkeit eine maskuline Note eindeutig fehlte.
„Ungefähr seit zwei Tagen, Pater“, krächzte Ethel.
Sie übertrieb maßlos. Nach meiner Rechnung waren es gerade mal zweiunddreißig Stunden und vierzehn Minuten, inklusive der lästigen Unterbrechungen, die uns mindestens vierzig Minuten wertvolle Serienzeit gekostet hatten. Und die nächste war augenscheinlich im Anmarsch.
Abermals hämmerte es an der Tür.
„Mr. und Mrs. Gambolputty! Können Sie mich hören?“
Gambolputty? Was für ein alberner Name! Unweigerlich musste ich losprusten und auch Mia konnte sich einen Lachanfall nicht verkneifen.
„Dieses diabolische Gelächter! Sie verspotten uns, Pater!“
„Ethel, ich fürchte, wenn Sie recht haben, dürfte diabolischer Spott unsere geringste Sorge sein.“
„Der Herr stehe uns bei!“
„Wollen Sie sich nicht lieber zurückziehen? Ich bin mir nicht sicher, was wir gleich hinter dieser Tür zu sehen bekommen und ich möchte nicht, dass Sie…“
„Nein Pater, ich bleibe! Vielleicht brauchen Sie ja meine Assistenz.“
„Na schön, aber treten Sie bitte ein Stück zur Seite!“
Etwas rumste gegen das Türblatt. Und nochmals. Beim dritten Mal gab die billige Sperrholzkonstruktion endgültig nach. Die Tür splitterte, schwang auf und ein kleiner, dicklicher Mann in schwarzer Kutte taumelte in den Raum. Aus einem ersten panischen Impuls heraus betätigte er zunächst den Lichtschalter.
„Grundgütiger!“
Ethel blieb hinter ihm, blickte zur Decke und fiel noch im lädierten Türrahmen stehend in Ohnmacht. So viel zur Assistenz.
Der Pater rang indes mit seiner nervlichen wie physischen Stabilität. Er wich direkt wieder ein paar Schritte zurück, wobei er fast über Ethel im Türrahmen stolperte.
Der Anblick, mit dessen traumatischen Nachwirkungen beide nun klarkommen mussten, dürfte aus menschlicher Sicht etwa folgender gewesen sein: Zum einen war da die quallenartige, zerzauste Gestalt der schätzungsweise vierzigjährigen Hausherrin – obwohl es mir ausgesprochen schwerfiel, diese Person mit sowas wie ‚Herrschaft‘ in Verbindung zu bringen. Angestrahlt vom gelblichen Flackern des überdimensionalen Flachbildfernsehers thronte jenes sackartige Gebilde auf den Überresten einer nunmehr angekokelten, dunkelbraunen Kunstledercouch. Inzwischen war es umringt von einer Ansammlung aus leeren Colaflaschen, Chipstüten, Exkrementen und sonstigem Unrat – hauptsächlich Tonscherben, Erde und Pflanzenteilen, die von einem Ficus stammten, den Ethel bei einem ihrer Anfälle nach uns geworfen hatte.
Der Großteil dieser grotesken Erscheinung ging zugegebenermaßen auf meine Kappe. Wobei… die Gute war schon vorher nicht die Schlankste gewesen. Ihr fortgeschritten-adipöser Zustand hatte sich jedoch mit meiner Anwesenheit um ein vierfaches gesteigert. Die ohnehin altersschwache Couch war daraufhin zusammengebrochen, während die Brandschäden in erster Linie darauf zurückzuführen waren, dass ich vom Konsum des diesseitigen Knabberkrams Blähungen bekam. Jene äußerten sich in flammenden schwefeligen Ausdünstungen, die sich auf besagten Synthetikbezug des angeschlagenen Sitzmöbels nicht gerade vorteilhaft auswirkten.
Zum anderen wurde die ästhetisch fragwürdige Szenerie von der, im Gegensatz zu seiner Gattin, geradezu dürren Gestalt des Hausherren ergänzt. Selbiger hing mit einem um hundertachtzig Grad verdrehten Kopf unter der Decke und stierte mit vermeintlich leerem Blick sabbernd auf den Bildschirm. Die stetige Flüssigkeitsabsonderung von oben hatte bereits zu einer mittelgroßen Pfütze aus grünlichem ätzendem Schleim auf dem Fußboden geführt. Längst hatte diese sich durch den Flokati gefressen und war nun dabei, sich durch den Estrich zum Keller durchzuarbeiten.
Auch hierzu lässt sich sagen, dass das Problem mit dem übermäßigen Speichelfluss schon vor unserem Aufenthalt existiert hatte. Wie in meinem Fall bei Mrs. Gambolputty, bewirkte Mias anhaltande Besetzung bei Mr. Gambolputty lediglich eine zusätzliche ‚Verstärkung des physischen Ursprungslasters‘ (so hatte es unser Kollege Anmêlek aus der Verwaltung später formuliert).
Die ungewöhnliche Positionierung des guten Mannes war erst vor ein paar Stunden zustande gekommen. Es war eher ein Unfall gewesen, da es Mia nicht gelungen war, seinen Kopf wieder in die Ausgangsstellung zu bringen, nachdem sie Ethel mit jener akrobatischen Übung einen weiteren verdienten Schockmoment beschert hatte. Die Position an der Decke hatte sich für sie letztlich noch als am bequemsten erwiesen, um unseren Seriendauerkonsum mühelos fortsetzen zu können.
Mit diesem Hintergrundwissen besaß somit das Setup, in das die beiden Störenfriede just reingepoltert waren, durchaus eine gewisse Logik. Eine solche ging dem um Fassung ringenden und ob des bestialischen Gestanks einen größeren Übelkeitsanfall unterdrückenden Pater in jenem Moment jedoch völlig ab.
Zudem provozierte die stimmungstötende Vollbeleuchtung ein wütendes Zischen von der Decke sowie eine Spontanattacke aus einem Ficuserde-Scheiße-Chipsreste-Geschoss, das ich ihm verärgert entgegenschleuderte.
Seine nächste böswillige Aktion richtete sich nun auf unsere Unterhaltungsquelle. Er griff nach dem Fernsehkabel, nur um kurz darauf feststellen zu müssen, dass es sowohl mit dem Gerät am einen als auch mit der Steckdose am anderen Ende verschmolzen war – eine zusätzliche Sicherungsmaßnahme aufgrund von Ethels wiederholten Störversuchen.
Trotz der missglückten Sabotage verblieb er in der vermeintlichen Deckung hinter dem Fernsehtisch. Sehen konnten wir ihn dennoch, wie er hektisch atmend dahockte und in seiner Umhängetasche herumwühlte.
So gut es bei dem unterdrückten Geraschel ging, wandten wir uns wieder unserer Serie zu. Aus dem Augenwinkel bekam ich gleichwohl mit, wie der Pater nach einiger Zeit ein hölzernes Kreuz und ein Buch hervorkramte, in dem er nervös umherzublättern begann.
Keine drei Minuten später war das Textstudium beendet.
In einem Anflug von Entschlossenheit trat er neben dem Monitor hervor. Das Holzkreuz in seiner zitternden Rechten streckte er Mia und mir abwechselnd entgegen.
„Weiche Satanas!“, quoll es mit brüchig-quäkiger Stimme aus ihm heraus. „Verlasse die Körper dieser armen Leute! Ich befehle es dir! Im Namen des Allmächtigen!“
Soweit möglich ignorierten wir die seltsame Kontaktaufnahme, insbesondere da sich keine von uns tatsächlich angesprochen fühlte.
Satan war schon seit einigen Dekaden im Ruhestand und hatte Thron und Herrschaft beziehungsweise Unternehmensvorsitz an seinen Erstgeborenen abgegeben (zugegeben, die Sache war nicht ganz freiwillig abgelaufen, doch das ist eine andere Geschichte). Gelegentliche Anrufe, zum Beispiel von Teufelsbeschwörern, Möchtegernbesessenen und Häretikern, nahm er zwar wohlwollend zur Kenntnis, aber im Grunde nervten sie ihn mehr, als dass sie ihm schmeichelten. Fühlte er sich doch durch diese erst recht an seinen vorzeitigen Machtverlust erinnert.
Um den alten Halunken ein wenig zu ärgern, verzichteten wir zunächst darauf, den sich um Kopf und Kragen exorzierenden Pater in seinen Tiraden zu unterbrechen. Irgendwann gingen mir seine Ergüsse allerdings doch ziemlich auf die Nerven. Vor allem, da er sich stetig bemühte, die von uns sorgsam hochgeregelte Lautstärke des Fernsehgeräts zu übertönen.
„Esserf eid lam hcod tlah tztej!“, brüllte ich ihm ungehalten entgegen. Sein entsetzter Blick verriet mir, dass er mich wohl nicht ganz verstanden hatte. Jener, plus einer weiteren Kreuz schwenkenden Litanei, bei der es sich abermals hauptsächlich um unseren unglücklichen Vorruheständler drehte.
„Du hast wieder die falsche Stimme benutzt“, kam der erläuternde Hinweis von oben. Mia hatte recht. Die Sache hatte uns schon die Kommunikation mit Ethel erschwert.
Der Trick war, sich der menschlichen Seelenstimme zu bemächtigen, ansonsten kam nämlich beim verwirrten diesseitigen Gegenüber nur ein rückwärtiges Kauderwelsch an.
„Die Fresse sollst du halten!“, probierte ich erneut mein Glück. Die Stimme von Mrs. Gambolputty klang furchtbar. Als würde man in eine Blechdose rülpsen.
Zumindest erfüllte sie ihren Zweck.
Mit weit aufgerissenen Augen hielt der Pater endlich inne, wich noch ein wenig zurück und machte eine unbeholfene Bekreuzigungsgeste, das Buch mit seiner Linken nach wie vor fest umklammert.
„Na also“, fuhr ich genervt fort, „und vielleicht lässt du uns jetzt mal weiter unsere Serie schauen?!“
„W-wer s-seid ihr?“
Ich war mir sicher, dass mich der Kerl nun verstand, unser Anliegen begriff er trotz alledem noch nicht.
„Jedenfalls nicht der, den du hier die ganze Zeit zusülzt“, reagierte Mia indessen auf seine unqualifizierte Nachfrage.
„So ist das. Also raus mit dir oder wir überlegen uns, Satan doch noch mit dazuzuholen!“
Meine Drohung war natürlich haltlos. Satan hasste Serien. Aber das wusste der Pater ja nicht.
„U-u-und w-was w-wollt ihr von d-diesen a-armen S-s-seelen?“
Der Gute war anscheinend ziemlich begriffsstutzig. Dennoch beschloss ich, ihm eine ausführlichere Erklärung zu liefern, auch mit dem Wunsch, dass er uns dann vielleicht endlich in Ruhe ließ.
„Ok, pass auf: Diese beiden feinen Leute hier… naja… also die Zwei hier haben sich vor Kurzem neben diesem ausladenden Übertragungsgerät auch gleich Abos für diverse Video-Streaming-Dienste zugelegt. Dieses bekamen wir zufällig mit, als sie das Programm eurer einschlägigen irdischen Fernsehsender wiederholt zur Hölle wünschten. Sodann entschlossen wir uns direkt für eine kleine… äh, Entertainment-Kooperation mit den beiden, da wir ohnehin ein paar Tage freinehmen wollten.“
„Bei dem Trubel in letzter Zeit, brauchten wir halt mal etwas Entspannung!“, kam ergänzend von der Decke, was der Pater mit einem zwischen verständnislos und konsterniert schwankenden Blick zur Kenntnis nahm.
„U-und d-dann bemächtigt ihr euch m-mal eben d-dieser unschuldigen M-m-menschen?! U-um Serien z-zu gucken?!“
„Doch nur vorübergehend“, versuchte ich ihn ein wenig zu beruhigen, „schließlich müssen wir ja auch irgendwann wieder an die Arbeit.“
„Aber diese Staffel würden wir jetzt wirklich gerne noch zu Ende schauen!“
„Und vielleicht noch den Anfang von dieser Vampirserie…“
„U-und d-dann v-verschwindet ihr w-wieder?“
Ich sah den halb erstarrten Pater ungläubig an.
„Meinst du, ich möchte den Rest meiner Ewigkeit in diesem überdimensionalen Pudding verbringen?“
Nun wirkte er doch überrascht. Er schien zu überlegen, was er wohl als Nächstes tun oder sagen sollte. Ungewöhnlicherweise entschied er sich, uns entgegenzukommen.
„A-also, das heißt, w-wenn ich euch quasi einen G-g-gefallen tun wollte, müsste ich euch ei-einfach nur w-weiter fernsehen lassen?“
„Endlich hast du’s verstanden.“
Aus irgendeinem Grunde traute ich seiner plötzlichen Anbiederung nicht. Dennoch fügte ich vorsichtshalber im Hinblick auf Ethel hinzu: „Und es wäre schön, wenn du dieses Anliegen auch weitergeben könntest!“
Er nickte übereifrig.
„N-natürlich. S-sonst noch was?“
„Du könntest uns noch ‘ne Cola holen!“, ging Mia beschwingt auf die unbeholfene Versöhnungsgeste ein.
„A-aber sicher! V-vielleicht auch ein p-paar Chips?“
„Ähh, nein Danke. Außer du möchtest den beiden eine neue Einrichtung sponsern.“
„Gut, gut. Also nur C-cola.“ Mit übertriebener Gestik schritt er rückwärts in Richtung Tür.
„U-und dann verschwindet ihr?!“, erkundigte er sich noch einmal zur Sicherheit.
„Wie gesagt, wenn die Staffel vorbei ist. Wobei – nach den ganzen Unterbrechungen müssten wir die Folge eigentlich nochmals von vorne schauen.“
„Ok, ok. Oh, m-mein Name ist übrigens Pater Brightstone…“
„Schön Pater, ich bin Mia und das ist Cay, aber ehrlich gesagt interessiert uns der Ausgang von dieser Zombieattacke mehr, als dein bescheuerter Name!“, erntete er noch die eindeutige Ansage von der Zimmerdecke, bevor er endlich aus dem Wohnzimmer, vermutlich in Richtung Vorratskammer verschwand.

…Fortsetzung folgt.

C. Holister (c) 2017

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